Ausländerkriminalität als Simpsons-Effekt

Bild: Spiegel

Abgesehen davon, dass Ausländer häufiger angezeigt (Studie 1, Studie 2) und von der Polizei eher kontrolliert werden, erscheinen Kriminalstatistiken gern als Simpsons-Paradox: Kriminalität ist stark schicht- und ortsabhängig. 2008 berichtete der Spiegel, bei 9% Ausländeranteil in der Bevölkerung, sollten doch auch nur 9% der Ausländer an Gewaltstraftaten beteiligt sein. Tatsächlich seien Ausländer aber zu 25% beteiligt. Schlussfolgerung: Ausländer seien tendenziös kriminell.

Solche Aussagen berufen sich auf Kriminalitätsstatistiken, wie ich sie im Folgenden vereinfacht darstellen möchte:

krim1

Statistisch erscheinen im oberen Bild 80% aller Ausländer als kriminell, bei den Deutschen lediglich 30%. Schnell ist Fremden ein kriminelles Wesen zugeschrieben. Trägt man jedoch den Wohnort ein, nimmt die Deutung eine andere Gestalt an:

krim2

Offenbar sind alle Einwohner des Zwielichtviertels kriminell und alle Einwohner des Gutbürgerviertels brav. Die vier Einwanderer im Beispiel können sich nur die billigen Mieten des Zwielichtviertels leisten. Dort verhalten sie sich exakt so, wie die Deutschen auch. Armut oder Umfeldeffekte scheinen in diesem Fall plausiblere Erklärungen für Kriminalität als der Ausländerstatus.

Der Soziologe Rainer Geißler konnte diesen Effekt bei der Ausländerkriminalität nachweisen. Geißler differenzierte zunächst den Ausländerbegriff und verglich in Deutschland und der Schweiz Einheimische und Arbeitsmigranten, die sich in ihrem Berufsstatus, Alter, Geschlecht und Wohnort ähnelten und kam zu dem Schluss: Arbeitsmigranten mit demselben Sozialprofil seien erheblich braver als Einheimische. Die Frage stellt sich sogar umgekehrt: wieso führt Arbeitsmigration zu mehr Gesetzestreue? Hier muss man allerdings erwähnen, dass die Berechnung auf einem theoretischen Schätzkonzept von Sozialprofileffekten beruht und mit der Theorie steht und fällt.

Leicht überrepräsentiert fand Rainer Geißler Gewaltdelikte bei jugendliche der zweiten Generation von Einwandererfamilien. Dazu gibt es verschiedene Erklärungsansätze.

„Viele Migrantenkinder orientieren sich offensichtlich nicht mehr an den Ansprüchen ihrer Eltern, sondern an denen ihrer deutschen Bekannten und Klassenkameraden. Sie empfinden dann die strukturelle Benachteiligung und das damit zusammenhängende Chancendefizit als soziale Ungerechtigkeit und reagieren auf diese Situation – ähnlich wie Einheimische in dieser Lage – mit Abweichung.“ (Rainer Geißler)

Zu ähnlichen Ergebnissen kam der Kriminologe Christian Walburg. Demnach neigen jugendliche mit Migrationshintergund nicht zu mehr Straftaten. Gewalt war aber auch in seiner Studie in der zweiten Generation erhöht. In der nächsten Generation sank sie wieder.

Zur Erklärung erhöhter Gewaltbereitschaft werden abhängig vom politischen Lager drei Ansätze diskutiert.

These des äußeren Kulturkonflikts

Einwanderer bringen eine Gewaltkultur mit in das Aufnahmeland und können diese nicht ohne weiteres ablegen. Traditionen werden durch eine gewaltsame Erziehung im Aufnahmeland an die Nachkommen weitergegeben.

These des inneren Kulturkonflikts

Für Einwanderkinder verlieren den Halt der traditionellen Herkunftswerte, können in der Aufnahmegesellschaft jedoch nicht vollständig ankommen, da sie von dieser ausgegrenzt werden. In diesem Zwischenraum der Kulturen entwickeln sie abweichendes Verhalten, das weder den Werten ihrer Herkunftsfamilie noch denen der Aufnahmegesellschaft entspricht.

Marginalisierungsthese

Unabhängig von Land und Kultur, greifen unterprivilegierte junge Männer häufiger auf Gewalt zurück, um sich Respekt zu verschaffen. Ihnen stehen nur begrenzt legale Ressourcen zur Verfügung, ihren gesellschaftlichen Status zu erhöhen. Werden Benachteiligungen, z.B. bei der Bildungsbeteiligung beseitigt, reduziert sich auch die Gewaltanwendung.

kant

Das Simpsons-Paradox zeigt die untrennbare Verzahnung von Empirie und Theorie. Ohne einen theoretischen Hintergrund wird man die Zahlen mangels jeder Idee interpretieren,  nach welchen begründeten Kriterien sich die Messwerte auch anders gruppieren ließen. Statistiken sollten ähnlich wie Zigarettenschachteln einen verpflichtenden Warnhinweis enthalten. Zum Beispiel einen von Kant: „Theorie ohne Empirie ist leer, Empirie ohne Theorie ist blind.“

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s